Joana Ivonia: Über Fahrräder und über alles

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Aveiro ist eine Gemeinde mit 70 Tausend Einwohnern an der Nordküste Portugals. Berühmt für seine Ria – eine Kanäle bildende Meereseinbuchtung, die sich mit der Mündung des Flusses Rio Vouga trifft – für seine Architektur und gutes Essen, ist die Stadt auch jene mit der höchsten Nutzung an Fahrrädern in Portugal. Wenn du durch das Land reist und an einem irgendeinem beliebigen Ort fragst „Welche ist die Stadt der Fahrräder?“, so wird man dir mit Sicherheit antworten: Aveiro.

In diesem Szenario wurde Joana Ivonia geboren. Dort wuchs sie auf und wurde von ihrer Mutter im Fahrradkorb überall hin mitgenommen. „Schade, dass ich kein Foto davon habe, aber viele Menschen treffen mich und erinnern sich an diese Szene. Aber zu jener Zeit machte das jeder so, man nahm die Kinder im Fahrradkorb mit“.

Vom Fahrradkorb fing Joana in ihrer Jugend an, mit den Freunden Fahrrad zu fahren. „Seit meiner Jugend fuhren wir in Gruppen von 20 bis 30 Menschen mit dem Fahrrad zum Strand“. Sie schreibt diese Vorliebe ihrer Mutter und ihrem Stiefvater zu, die immer Ideen einbrachten, von denen zu jener Zeit niemand sprach. „Wir aßen biologisches Essen. Meine Familie war mit vielen Holländern befreundet, die Landsitze in der Region hatten und biologische Nahrungsmittel anbauten. Ich wuchs in einem Haus auf wo ich Menschen von vielen unterschiedlichen Orten kennenlernte.“

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Aber die ganze Freude, die Joana mit dem Fahrrad hatte, wurde unterbrochen, als sie nach Porto umzog, wo sie Design studierte, und entschied, sich nicht mit dem Fahrrad fortzubewegen. Als sie nach Aveiro zurückkehrte, kaufte sie ein Auto. „Ich wohnte in einem Haus auf dem Land und die öffentlichen Transportmittel waren nicht gut“. Aber die Rückkehr in die Stadt der Fahrräder brachte sie schnell dazu, das Auto zu hause zu lassen und wieder in die Pedale zu treten. „Ich war die einzige auf der Arbeit, die mit dem Fahrrad kam. Die Leute glaubten mir nicht, dass ich ein neues Auto zu hause ließ, um Fahrrad zu fahren“.

Eine weitere Motivation, weiterhin Fahrrad zu fahren, war der Beginn ihrer Beziehung mit César, heute Joanas Mann. „Er mochte Fahrräder genauso. Wir zogen nach Lissabon um und nahmen die Fahrräder mit“. In der portugiesischen Hauptstadt merkte Joana, wie sehr Aveiro in Portugal als „Stadt der Fahrräder“ bekannt war. „Ich arbeitete im Branding und merkte, dass das Fahrrad ein Markenzeichen Aveiros war. Aber dies stimmte so schon nicht mehr. Die Stadt ist voller Autos, die Fahrradkultur ist verloren gegangen, aber es gab dieses Markenzeichen in der Geschichte meiner Stadt.“

Weil sie in Aveiro verliebt waren, kehrten Joana und César in diese Stadt zurück, wo Sebastian geboren wurde, der heute vier Jahre alt ist. Die Ankunft ihres Kindes brachte Joana dazu, ihr Leben zu überdenken, und sie erkannte, dass ihre Arbeit in einem Büro für Design, wo sie Unternehmensbranding entwickelte, zu nichts beitrug. „Ich wollte etwas Sinnvolles zur Gesellschaft beitragen“.

Joana gab die Anstellung auf und begann, sich Gruppen und Versammlungen zu Stadtthemen anzuschliessen. Sie half dabei, eine Gruppe zum Thema Mobilität innerhalb der Initiative „Aveiro im Umbruch“ zu reaktivieren. Dort schloss sie Freundschaften und lernte Menschen kennen, welche daran interessiert waren, die Geschichte der Fahrräder in Aveiro wieder zu beleben; sie begannen, sich mit ihnen zu treffen, und aus diesen Versammlungen ging am Ende des Jahres 2014 der „Ciclaveiro“ hervor – eine Gruppe, die dem Fahrrad in Aveiro anhand von Kampagnen, Events und Druck auf die lokale Regierung mehr Sichtbarkeit verschaffen will. Dieses Jahr wird sie offiziell als NGO anerkannt und gilt bereits als Referenz im Bereich Mobilität durch Fahrräder im ganzen Land.

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Vor Kurzem wurde Ciclaveiro international anerkannt. Die Europäische Kommission in Brüssel lud sie ein, Vorbereitungsworkshops für die Europäische Woche der Mobilität zu moderieren. Die Anerkennung folgte einem Wettbewerb, den die Gruppe mit Händlern in Aveiro veranstaltete. „Wir organisierten einen Schaufensterwettbewerb zum Thema „Aveiro und die Fahrräder“. Die Ladenbesitzer mussten ihre Schaufenster mit Fahrrädern dekorieren und der Gewinner würde eine Anzeige in einer örtlichen Zeitung, einem Partner von uns, gewinnen“. Die Idee verbreitete sich in Aveiro, erhielt Aufmerksamkeit, wurde in das Best-Practice-Paket über Hollandfahrräder aufgenommen und andere europäische Länder möchten die Initiative bereits nachmachen.

Joana’s größte Inspiration ist ihr Sohn Sebastian. Sie kämpft jeden Tag dafür, eine bessere Stadt für ihn aufzubauen, und dafür versucht sie, sein größtes Vorbild zu sein. „Das was ich mache geht nicht um Fahrräder, es geht um alles. Wir haben einen Garten, ein Beet, wir tauschen uns mit unseren Nachbarn aus, wir bringen Sebastian mit dem Fahrrad zur Schule und manche Eltern machen es schon genauso. Wenn man ein Kind hat, ist es das, was man will, dass es sich frei bewegen kann, ohne in Gefahr zu sein“.

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